Welt am Sonntag: Zwischen Erdkunde + Etatplan, Projekt "Selbständige Schule"
       
 
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Zwischen Erdkunde und Etatplan

Im Projekt "Selbstständige Schule" tragen Lehrer mehr Verantwortung

von Schönert/Krüger

Es ist 19.30 Uhr. Frank Heidrich betritt den Tanzsaal einer Dortmunder Gaststätte. Auf ihn warten neue Mandanten: ein Rektor sowie Lehrer und Eltern einer Gesamtschule. Sie sitzen an Eichentischen vor rot-weiß karierten Papierservietten. Apfelsaft- und Wasserflaschchen stehen darauf. Der Förderverein der Schule hat den Spezialisten eingeladen, weil die Schule im Ruhrgebiet in einer Finanzkrise steckt. Jetzt nimmt sie an dem Projekt "Selbstständige Schule" teil, das in Nordrhein-Westfalen vom Schulministerium und der Bertelsmann-Stiftung getragen wird: Mehr Autonomie für die einzelne Schule soll das Bildungssystem verbessern.

Von Heidrich sollen die Lehrer erfahren, wie Managementmethoden, Kostenanalysen und Marketinginstrumente das Niveau der Schule steigern können. Auch andere Bundesländer unterstützen ähnliche Projekte, die Bildungsinstitute zum "Unternehmen Schule" wandeln sollen.

In Nordrhein-Westfalen nehmen bereits 278 Einrichtungen an dem Pilotprojekt "Selbstständige Schule" teil. Es wurde 2002 gestartet und auf vier weitere Jahre angelegt. Schulleitern wird dabei mehr Führungsverantwortung und Spielraum übertragen. "Entscheidungen sollen nicht mehr in der fernen Behörde getroffen werden, sondern eigenständig in den Schulen", sagt Ulrich Kober von der Bertelsmann-Stiftung. "Das Land beabsichtigt, die Selbstständigkeit ganz oder teil- und schrittweise auf die Schulen des Landes zu übertragen."

In der "Selbstständigen Schule" dürfen Schulleiter das Geld für nicht besetzte Lehrerstellen selbst ausgeben. IT-Spezialisten, Sozialarbeiter oder anderes dringend benötigtes Personal können sie ohne Antrag, ohne Warten auf Bewilligung beschäftigen. Unterrichtsstunden müssen nicht mehr den vorgeschriebenen 45 Minuten entsprechen und können klassenübergreifend gehalten werden. Auch die Regeln bei der Versetzung können angepasst oder das Sitzenbleiben ganz aufgehoben werden.

Pädagogische Selbstständigkeit begrüßen die Direktoren zwar. Mit neuer Budget- und Personalverantwortung fühlen sich viele allerdings überfordert. Plötzlich werden sie Manager, obwohl sie eigentlich Erdkunde studiert haben. Personalwesen kam dabei nicht vor. Jetzt werden ihnen Unternehmensberater an die Seite gestellt. Damit aus Einzelkämpfern ein echtes Lehrerkollegium wird, stehen auch noch Teamentwicklung und Kommunikationstraining auf dem Lehrplan.

Manche Schulleiter setzen nicht auf die vom Ministerium gebotenen Möglichkeiten, sondern qualifizieren sich privat weiter. Die Fernuniversität Hagen und die Technische Universität Kaiserslautern bieten neue Studiengänge für "Schulmanagement" an. Für 627 Euro pro Semester können sich Lehrer in Kaiserslautern Managementstrukturen, Personalmanagement oder Schulrecht weiterbilden. "Die Nachfrage ist groß, wir haben 150 Studierende pro Jahrgang", sagt Carlo-Matthias Enk vom Lehrstuhl der Hochschule in der Pfalz.

Lernen können die staatlichen Schulen auch von den Privatschulen in Deutschland. Peter Murphy ist Direktor der "Bonn International School", einer englischsprachigen Privatschule. Dort gehört betriebswirtschaftliches Wissen zum Alltag. "In meiner Schule ist Kaufmännisches genauso bedeutend wie das Pädagogische. Liefe das anders, hätten wir kein Geschäft mehr." Viele seiner 370 Schüler kommen aus Aachen, Düsseldorf oder Köln. Bis zu 14 000 Euro im Jahr zahlen die Eltern für die Ausbildung. Die Nachfrage ist so groß, dass derzeit ein neues Gebäude für 600 Schüler gebaut wird.

Das Jahresbudget von fünf Millionen Euro lässt Murphy von drei Buchhaltern kontrollieren - für eine Schule ungewöhnlich. Beamte gibt es im Lehrerzimmer nicht. Der Engländer gibt seinen Angestellten Zweijahresverträge mit Aussicht auf Verlängerung. Der Kontakt in die Wirtschaft ist eng, Murphy ist permanent auf der Suche nach Spenden.

Seine Schule sei pädagogisch wie wirtschaftlich wegen ihrer Flexibilität erfolgreich, meint er. Dies ermöglicht es ihm, schnell zu entscheiden. Wie im vergangenen Jahr, als er sechzehn Schüler weniger hatte als vorgesehen. Er kürzte die Budgets sämtlicher Bereiche, von den Lehrmitteln bis zum Marketing, um fünf Prozent.

In Baden-Württemberg sollen die Schulen auch vom Markt lernen. Manager aus der Wirtschaft stehen den Schulen in einem Projekt zur Seite. In der Arbeitsgemeinschaft "SchuleWirtschaft" gründeten Arbeitgeberverbände, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft und das Kultusministerium Baden-Württemberg die "Q-Region Bietigheim-Bissingen". Dort arbeiten seitdem Manager mit Lehrerteams an der Einführung eines Qualitätsmanagements. Dabei ist auch die Firma Valeo, ein international tätiger französischer Automobilzulieferer mit weltweit über 50 000 Mitarbeitern. Valeo hat Günther Pfahl an die Waldschule entsandt. Seit zwanzig Jahren arbeitet der 56-jährige Abteilungsleiter für "Qualitätsmanagementsysteme" in der Produktion. Etwa zwanzig Mal im Jahr und an vier Wochenenden trifft er sich nun mit einem Teil der Lehrer einer Hauptschule. Ihnen erklärt er, wie man strukturiert Prozesse erfassen und verbessern kann.

Er hat gängige Vorurteile gegen Lehrer aufgeben: Neugierig und kreativ seien sie, sagt der Mann, der sonst Mechanikern auf die Finger schaut. Statt Fehlerhäufigkeit bei Scheibenwischermodellen zu definieren, zeigt er, wie man mittels "Pareto-Analyse" misst, an welchen Tagen der Schulhof besonders verschmutzt ist. Oder erklärt, wie das "Ursache-Wirkungsdiagramm" helfen kann, den Informationsfluss im Lehrerkollegium zu verbessern. In einer Grundschule wurde mit seiner Hilfe ein Handbuch zur Diagnose von Lese-Rechtschreibschwäche erstellt und die Schulbücherei umgestaltet, um eine höhere Auslastung zu erreichen. Begeistert unterstützen die Lehrer das Projekt, obwohl sie dafür ihre Freizeit opfern und nachmittags wie abends kommen mussten.

Bessere Lernerfolge bei den Schülern bringt das natürlich nicht sofort. Positive Ergebnisse werden erst in fünf bis zehn Jahren erwartet. Wie ein Qualitätsmanagement in der Ausbildung helfen kann, hat beispielsweise Daimler-Chrysler erfahren. Jürgen Ripper, Geschäftsführer der Firma MTO für Psychologische Forschung und Beratung, hat bei dem Automobilkonzern das "SchuleWirtschaft"-Projekt des Landes wissenschaftlich begleitet. "Die systematische Förderung hat eine fachliche Verbesserung, aber auch bessere Schlüsselqualifikationen wie Transfer- und Kommunikationsfähigkeit sowie Verantwortungsbereitschaft hervorgerufen." Junge Mitarbeiter werden bei dem Autobauer jetzt bevorzugt.

So weit ist man in Dortmund noch nicht. Im Tanzsaal der Gastwirtschaft büffeln die Lehrer Kostenarten. Berater Heidrich empfiehlt als Einnamequelle die Vermietung des Computerraums nach Schulschluss an Senioren. Unterrichtet werden könnten sie von Schülern der Schule.

Zu unserem Bericht "Wahnsinns-Job Lehrer" erhielten wir viele Leserbriefe. Eine Auswahl finden Sie auf Seite 14

Artikel erschienen am 5. September 2004 in der "Welt am Sonntag"

www.wams.de


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